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Dynamic Cities Need Women: Der Kongress und sein Erbe

Miriam Hartenstein ·

Dynamic Cities Need Women: Der Kongress und sein Erbe

Ein Kongress schreibt Geschichte: Brüssel 2007

Im Herbst 2007 versammelten sich in Brüssel Stadtplanerinnen, Kommunalpolitikerinnen, Wissenschaftlerinnen und zivilgesellschaftliche Akteurinnen aus ganz Europa zu einem Ereignis, das weit mehr war als eine Fachtagung: der Kongress „Dynamic Cities Need Women". Die Veranstaltung war programmatisch bereits im Titel — sie formulierte keine Bitte, sondern eine Notwendigkeit. Dynamische Städte, so die Kernbotschaft, sind auf die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen angewiesen. Nicht als Bonus, sondern als strukturelle Voraussetzung gelingender Stadtentwicklung.

Der Kongress entstand in einem politischen Moment, in dem die Europäische Union verstärkt über Kohäsionspolitik, Gleichstellungsrichtlinien und die Zukunft urbaner Räume debattierte. Brüssel war dabei kein zufälliger Veranstaltungsort: Als Hauptstadt der EU und selbst eine der komplexesten mehrsprachigen Metropolen Europas verkörperte die Stadt genau jene Widersprüche und Potenziale, die auf dem Kongress verhandelt werden sollten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus mehr als zwanzig europäischen Ländern und brachten Perspektiven mit, die in ihrer Vielfalt kaum größer hätten sein können — von nordischen Kommunalmodellen bis zu den aufstrebenden Städten Ostmitteleuropas.

Was den Kongress von ähnlichen Veranstaltungen unterschied, war seine explizit vergleichende Methodik. Anstatt abstrakte Gleichstellungsziele zu beschwören, wurden konkrete städtische Fallbeispiele analysiert: Wie unterscheidet sich die Beteiligung von Frauen in der Stadtplanung Stockholms von jener in Warschau? Welche Mechanismen funktionieren in Amsterdam, scheitern aber in Bukarest — und warum? Diese praxisnahe Herangehensweise hinterließ Spuren, die weit über den eigentlichen Kongressrahmen hinauswirkten.

Die zentralen Themen: Was auf dem Kongress verhandelt wurde

Drei Themenstränge prägten die inhaltliche Architektur des Kongresses. Erstens: Politische Repräsentation — der Anteil von Frauen in Gemeinderäten, Stadtparlamenten und kommunalen Führungspositionen. Zweitens: Planerische Teilhabe — die Frage, wer Stadtentwicklungsprozesse gestaltet, wessen Wissen in Planungsverfahren einfließt und welche Räume für wen gebaut werden. Drittens: Wirtschaftliche Ermächtigung — städtische Wirtschaftspolitik als Gleichstellungsinstrument, von Gründerinnenzentren bis zu geschlechtersensibler Haushaltspolitik.

Besonders kontrovers verliefen die Diskussionen rund um Quoten und freiwillige Selbstverpflichtungen. Während skandinavische Delegierte für verbindliche Mindestanteile plädierten, argumentierten Vertreterinnen aus Ländern mit anderen institutionellen Traditionen für kulturell angepasste Wege. Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass rein symbolische Gleichstellungserklärungen ohne strukturelle Maßnahmen wirkungslos bleiben. Der Kongress verabschiedete am letzten Tag eine gemeinsame Erklärung, die sieben konkrete Handlungsfelder für europäische Städte definierte — von der Kindergartenpolitik bis zur geschlechtersensiblen Stadtbeleuchtung.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Workshop zu urbaner Sicherheit. Studien, die im Vorfeld des Kongresses in Auftrag gegeben worden waren, zeigten, dass Frauen öffentliche Räume — Parks, U-Bahn-Stationen, Unterführungen — signifikant anders nutzen als Männer, häufig aufgrund von Sicherheitsbedenken. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber der Kongress schaffte es, sie mit konkreten Planungsempfehlungen zu verbinden: bessere Beleuchtung, einsehbare Wegeführungen, aktiv gestaltete Erdgeschosszonen als Belebungsmaßnahme.

Europäische Städte im Vergleich: Wer war Vorbild, wer Nachzügler?

Ein zentrales Erkenntnisinteresse des Kongresses war der systematische Vergleich europäischer Städte. Dabei zeichneten sich deutliche Cluster ab. Städte wie Wien, Stockholm und Barcelona galten 2007 bereits als Referenzmodelle — nicht weil sie perfekt waren, sondern weil sie messbare Fortschritte vorweisen konnten und diese durch institutionelle Strukturen abgesichert hatten. Wien etwa hatte mit dem Frauenbüro und späteren Instrumenten wie dem „Gender Mainstreaming"-Projekt im Bezirk Mariahilf gezeigt, dass geschlechtersensible Planung mehr ist als eine Absichtserklärung. Mehr zu diesen wegweisenden Ansätzen findet sich in unserem Beitrag Wien, Barcelona und Brüssel als Vorreiter-Städte.

Am anderen Ende des Spektrums standen Städte, in denen Frauen aus Stadtplanungsgremien faktisch ausgeschlossen waren — nicht durch gesetzliche Verbote, sondern durch informelle Netzwerke, Sitzungszeiten, die Betreuungspflichten ignorierten, oder schlicht durch das Fehlen von Mentorinnen und Vorbildern. Der Kongress machte deutlich, dass diese strukturellen Barrieren sich über Jahrzehnte aufgebaut haben und entsprechend hartnäckig sind. Einzelne Erfolgsgeschichten, so der Konsens, genügen nicht: Es braucht europäische Vernetzung und gegenseitiges Lernen.

Bemerkenswert war auch die Debatte über mittelgroße Städte — jene oft übersehene Kategorie zwischen Metropole und Kleinstadt. Städte wie Graz, Montpellier, Gdańsk oder Braga wurden als potenzielle Laboratorien für Gleichstellungspolitik identifiziert: flexibel genug, um schnell zu handeln, groß genug, um skalierbare Ergebnisse zu erzielen. Diese Perspektive hat sich in den Folgejahren als besonders fruchtbar erwiesen.

Das Erbe des Kongresses: Was blieb, was veränderte sich?

Kongresse produzieren Papier — das ist eine bekannte Kritik. Was „Dynamic Cities Need Women" jedoch von vielen Parallelveranstaltungen unterscheidet, ist die Institutionalisierung seiner Ergebnisse. Die gemeinsame Abschlusserklärung floss in mehrere EU-Förderprogramme ein und wurde von einzelnen Städten als Referenzdokument für lokale Gleichstellungspläne verwendet. Das Netzwerk, das sich in Brüssel formierte, existierte über den Kongress hinaus — teils informell, teils in strukturiertere Partnerschaften überführt.

Gleichzeitig wäre es naiv, die Wirkung zu überschätzen. Die politischen Rahmenbedingungen haben sich in Europa seit 2007 erheblich verändert: Finanz- und Schuldenkrise, der Aufstieg populistischer Bewegungen, die COVID-19-Pandemie mit ihren disproportionalen Auswirkungen auf Frauen — all das hat Gleichstellungsagenden zeitweise zurückgedrängt. Dennoch: Die konzeptuellen Grundlagen, die in Brüssel gelegt wurden, erwiesen sich als robust. Der Gedanke, dass urbane Dynamik und Geschlechtergerechtigkeit keine konkurrierenden, sondern einander verstärkende Ziele sind, hat sich in der europäischen Stadtentwicklungsdebatte dauerhaft verankert.

„Eine Stadt, die Frauen ignoriert, ignoriert die Hälfte ihres Potenzials. Das ist keine Frage der Gerechtigkeit allein — es ist eine Frage der Effizienz und Zukunftsfähigkeit."
— Aus der Abschlussdiskussion des Kongresses „Dynamic Cities Need Women", Brüssel 2007

Besonders nachhaltig wirkte der Kongress in der Debatte um politische Repräsentation auf kommunaler Ebene. Mehrere Länder, deren Vertreterinnen in Brüssel aktiv an den Diskussionen teilnahmen, haben in den Jahren danach ihre Regelungen zur Kandidatinnenförderung verschärft oder neue Instrumente eingeführt. Wie dieser Weg zur Parität konkret aussehen kann, beschreibt unser Beitrag Frauen in Stadträte: Wege zu mehr Parität in der Kommunalpolitik ausführlich.

Fünf Impulse, die der Kongress der europäischen Stadtpolitik hinterlassen hat

Lässt man die unmittelbaren Kongressdebatten hinter sich und fragt nach dem längerfristigen konzeptuellen Erbe, kristallisieren sich fünf Impulse heraus, die bis heute nachwirken:

  • Gender Mainstreaming als Planungsstandard: Der Kongress trug dazu bei, geschlechtersensible Folgenabschätzung nicht als Sonderaufgabe, sondern als integralen Bestandteil kommunaler Planungsprozesse zu verstehen.
  • Datenerhebung nach Geschlecht: Die Forderung nach disaggregierten Daten — also nach Statistiken, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Stadtleben sichtbar machen — wurde von Brüssel aus in mehrere nationale Debatten getragen.
  • Partizipative Planungsverfahren: Die Erkenntnis, dass formale Beteiligungsverfahren strukturell Frauen benachteiligen können (durch Sitzungszeiten, Sprache, fehlende Kinderbetreuung), führte zu konkreten Empfehlungen für inklusivere Formate.
  • Intersektionale Perspektive: Auch wenn der Begriff damals noch selten verwendet wurde, war das Bewusstsein für die Überlagerung von Geschlecht mit Klasse, Herkunft und Alter im Kongressdiskurs bereits deutlich spürbar.
  • Europäische Vernetzung: Die Schaffung länderübergreifender Lernpartnerschaften zwischen Städten mit ähnlichen Herausforderungen, aber unterschiedlichen Lösungsansätzen, gilt bis heute als ein wichtiges Vermächtnis des Kongresses.

Offene Fragen und Zukunftsperspektiven

Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach dem Brüsseler Kongress ist die Frage berechtigt: Wie weit sind europäische Städte tatsächlich gekommen? Die Antwort fällt differenziert aus. Der Anteil von Frauen in Stadträten ist in vielen Ländern gestiegen, aber selten auf Parität. Geschlechtersensible Stadtplanung ist in manchen Städten Routine, in anderen noch immer eine Ausnahmeerscheinung. Die Datenlage hat sich verbessert, aber internationale Vergleichbarkeit bleibt schwierig.

Was sich jedoch verändert hat, ist der Diskursrahmen. Die Frage lautet nicht mehr, ob Frauen in Stadtentwicklungsprozesse einbezogen werden sollten — das ist weitgehend unstrittig. Die Frage lautet, wie und mit welchen verbindlichen Mechanismen. Dieser Paradigmenwechsel ist nicht allein, aber auch dem Kongress „Dynamic Cities Need Women" zu verdanken. Er hat eine Sprache bereitgestellt, eine Evidenzbasis aufgebaut und ein Netzwerk geknüpft, das über die Grenzen einzelner Städte und Länder hinausreicht.

Neue Herausforderungen stehen auf der Agenda: die klimabedingte Transformation von Städten, die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen, die wachsende soziale Ungleichheit in europäischen Metropolen. Alle drei Felder haben eine Geschlechterdimension, die noch unzureichend analysiert wird. Hier liegt die Arbeit, die die nächste Generation urbaner Gleichstellungspolitik leisten muss — aufbauend auf den Fundamenten, die in Brüssel gelegt wurden.

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Häufige Fragen

Was war das Ziel des Kongresses „Dynamic Cities Need Women“ in Brüssel 2007?

Der Kongress verfolgte das Ziel, die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen in der Stadtentwicklung als strukturelle Notwendigkeit zu verankern. Dabei wurden konkrete Fallbeispiele aus mehr als zwanzig europäischen Ländern analysiert und sieben gemeinsame Handlungsfelder verabschiedet. Im Mittelpunkt standen politische Repräsentation, planerische Teilhabe und wirtschaftliche Ermächtigung von Frauen in urbanen Räumen.

Warum fand der Kongress ausgerechnet in Brüssel statt?

Brüssel war als Hauptstadt der Europäischen Union und als komplexe mehrsprachige Metropole ein symbolisch wie praktisch naheliegender Ort. Die Stadt verkörperte die Widersprüche und Potenziale, die auf dem Kongress verhandelt wurden. Zudem ermöglichte die Nähe zu EU-Institutionen eine direkte Einspeisung der Kongressergebnisse in laufende Gleichstellungsdebatten auf europäischer Ebene.

Welche europäischen Städte galten 2007 als Vorbilder für Frauen in der Stadtentwicklung?

Wien, Stockholm und Barcelona wurden auf dem Kongress besonders häufig als Referenzmodelle genannt. Sie hatten messbare Fortschritte in geschlechtersensibler Planung erzielt und diese durch institutionelle Strukturen abgesichert. Wien etwa verwies auf konkrete Projekte wie das Gender-Mainstreaming-Pilotprojekt im Bezirk Mariahilf als Beispiel für praxisnahe Umsetzung.

Was ist unter „Gender Mainstreaming“ in der Stadtplanung zu verstehen?

Gender Mainstreaming in der Stadtplanung bedeutet, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse, Erfahrungen und Lebenssituationen von Frauen und Männern bei allen stadtplanerischen Entscheidungen systematisch berücksichtigt werden. Es geht nicht um separate „Frauenprojekte“, sondern darum, Geschlechterperspektiven als Standard in alle Planungsprozesse zu integrieren — von der Verkehrsplanung über Grünraumgestaltung bis zur Wohnbaupolitik.

Welche konkreten Ergebnisse hatte der Kongress „Dynamic Cities Need Women“?

Der Kongress verabschiedete eine gemeinsame Erklärung mit sieben konkreten Handlungsfeldern für europäische Städte. Diese floss in EU-Förderprogramme ein und wurde von einzelnen Städten als Referenz für lokale Gleichstellungspläne genutzt. Darüber hinaus entstanden länderübergreifende Netzwerke, die über den Kongress hinaus Bestand hatten und den Austausch zwischen Städten unterschiedlicher Größe und Tradition förderten.

Wie hat sich der Anteil von Frauen in Stadträten seit 2007 verändert?

Der Anteil von Frauen in kommunalen Parlamenten ist in vielen europäischen Ländern in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gestiegen, ohne jedoch flächendeckend Parität zu erreichen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Städten sind erheblich. Skandinavische Städte liegen deutlich vor dem europäischen Durchschnitt, während in einigen Ländern Süd- und Osteuropas Frauen in kommunalen Führungspositionen nach wie vor stark unterrepräsentiert sind.

Welche Rolle spielte urbane Sicherheit auf dem Kongress?

Urbane Sicherheit war eines der meistdiskutierten Themen. Vorbereitende Studien zeigten, dass Frauen öffentliche Räume aufgrund von Sicherheitsbedenken signifikant anders nutzen als Männer. Der Kongress verband diese Erkenntnisse mit Planungsempfehlungen: bessere Beleuchtung, einsehbare Wegeführungen und aktiv belebte Erdgeschosszonen wurden als konkrete Maßnahmen benannt, die die Nutzbarkeit städtischer Räume für alle verbessern.

Warum werden mittelgroße Städte in der Gleichstellungsdebatte als besonders interessant angesehen?

Mittelgroße Städte wie Graz, Montpellier oder Gdańsk gelten als besonders geeignete Labore für Gleichstellungspolitik, weil sie flexibler agieren können als Metropolen, aber groß genug sind, um skalierbare Ergebnisse zu erzielen. Auf dem Brüsseler Kongress wurde diese Kategorie explizit als unterforschtes und unterschätztes Potenzial hervorgehoben. Seither hat sich diese Perspektive in der Forschung und Förderpolitik stärker etabliert.

Welche neuen Herausforderungen stehen für geschlechtersensible Stadtentwicklung heute auf der Agenda?

Zu den drängendsten Themen zählen die klimabedingte Transformation von Städten, die Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen und wachsende soziale Ungleichheit. Alle drei Felder haben eine Geschlechterdimension, die bislang noch unzureichend erforscht und politisch adressiert wird. Der Kongress von 2007 hat konzeptuelle Grundlagen gelegt, auf denen künftige Gleichstellungsstrategien aufbauen können und müssen.